Ist der „Islam“ homophob?

 

Die Frage, wie der Islam zur Homosexualität steht, wird immer wieder Gegenstand von Diskussionen. Solche Fragen sind aber problematisch, weil dabei suggeriert wird, dass es eine Position des Islams gäbe, die end- und allgemeingültig wäre. Und man geht auf gleichzeitig davon aus,dass Begriffe wie Homophobie und Homosexualität universelle Kategorien wären. Genauer betrachtet können wir aber „dem Islam“ kaum etwas zuschreiben. Wir können lediglich Positionen muslimischer Gelehrten oder die muslimische Praxis in den unterschiedlichen Kontexten untersuchen. Auch „Homosexualität“ ist laut Michel Foucault eine konstruierte und historisch bedingte Kategorie. Als Kategorie wurde sie im Zuge des 19. Jh. in Europa entwickelt. In der Zeit davor sprachen die Menschen vielmehr von Handlungen. Erst mit der Entstehung der Sexualwissenschaft fing man an, eine homosexuelle Identität zu konzipieren. Foucault redet in diesem Zusammenhang provokativ von einer Spezies, die erfunden wurde. Es geht hier nicht um die Ablehnung des Konzeptes der Homosexualität, das in unserer Zeit eine Realität ist, sondern eher darum, dass wir uns über die Historizität unserer eigenen Kategorien und Begrifflichkeiten bewusst sein sollen. Homosexualität als Identität oder Lebensform, die bestimmte Charakteristika besitzt, ist vor dem 19. Jh. schlicht unbekannt.

Da der Begriff der Homosexualität in der muslimischen Normenlehre bis zum 20. Jh. auch nicht vorhanden war, gerät man heute oft in eine anachronistische Lesart, die die Homosexualität in frühere Quellen hineinliest. So wird beispielsweise das Wort liwāt als Synonym für Homosexualität benutzt. Diese Übersetzung ist nicht nur falsch, sondern auch gefährlich, wie wir noch sehen werden. Liwāt ist – in seiner allgemeinen Verwendung – eine konkrete Tätigkeit, und zwar die anale Penetration eines Mannes durch einen anderen Mann. Liwāt ist weder eine Veranlagung noch eine Sammlung an Persönlichkeitszügen. Einen Mann zu lieben, oder sich zu einer Person des eigenen Geschlechts hingezogen zu fühlen, ist kein liwāt.

In den früheren muslimischen Werken wurde einzig der Analverkehr zwischen zwei Männern behandelt und normiert. Hier finden wir die unterschiedlichsten und gegensätzlichsten Positionen, von der Todesstrafe bis zur Nichtsanktionierung dieser Handlung. In diesem Zusammenhang müssen allerdings drei Punkte klargestellt werden:

Erstens: Im Koran oder in der Tradition des Propheten haben wir keine Stellen, die den Analverkehr zwischen Männern, geschweige denn homosexuelle Neigungen, explizit sanktionieren. Es gibt hierzu zwar Überlieferungen, diese sind jedoch nach Ansicht mehrerer anerkannter Gelehrte, wie Ibn Hazm (gest. 1064) oder al-Asqalānī (gest. 1449) nicht authentisch. Aus diesem Grund haben die Gelehrten für ihre Argumente alternative Rechtsquellen benutzt, wie z. B. den Analogieschluss. Es ist zu erwähnen, dass vor dem Aufkommen des Propheten Muhammad der Analverkehr zwischen zwei Männern bei Juden, Christen und Zoroastriern als eine verwerfliche Tat eingestuft wurde, für die den damaligen Normen nach der Tod oder andere Körperstrafen vorgesehen waren. Aus diesem Grund können wir uns fragen, ob die Positionen der damaligen muslimischen Gelehrten eher ein Echo der damaligen persischen und rabbinischen Vorstellungen waren?

Zweitens: Die vorgesehenen Strafen waren theoretischer Natur und wurden nie praktisch umgesetzt. Es existiert kein einziger Bericht darüber, dass diese Strafen vor dem 20. Jh. jemals angewendet wurden. Die Mindestanzahl der erforderlichen Zeugen für die Verurteilung von zwischenmännlichem Analverkehr war vier. Diese mussten die Penetration mit bloßem Auge gesehen haben und weitere Kriterien erfüllen, die kaum zu erfüllen waren.

Drittens: Die damaligen Juristen haben allein die Penetration sanktioniert. Es wäre fatal in den muslimisch-juristischen Texten unter liwāt Homosexualität im modernen Sinne zu verstehen. Theoretisch würde dies dann bedeuten, dass jeder Mensch mit homosexueller Neigung sich strafbar machen würde. Dies hat jedoch kein Gelehrter gesagt. Die Neigung zu Männern allein, die Bewunderung männlicher Schönheit sind natürlich keine Straftaten. Auch Küsse oder intime Berührungen wurden im Bereich des vormodernen muslimischen Strafrechts nicht behandelt und scheinen die Gelehrten genauso wie die Intimität zwischen Frauen nicht großartig interessiert zu haben.

Die juristische Perspektive ist jedoch nur ein Teilaspekt der Gesellschaft. Bei der Untersuchung der muslimisch geprägten Gesellschaften zwischen dem 8. und 19. Jh. stellt sich nämlich heraus, dass gleichgeschlechtliche Beziehungen in Form von reinen Liebes- oder Sexbeziehungen weit verbreitet waren und häufig sogar eine Normalität darstellten.

Diese Zeit wird in der Literatur als das „Zeitalter der Geliebten“ bezeichnet. Diese Ära hatte ihren Ursprung in der Zeit der Abbasiden und erstreckte sich danach über die osmanischen, persischen und mogulischen Reiche bis zum frühen 20. Jh. In dieser Zeit begegnen uns gleichgeschlechtliche Beziehungen in allen Schichten der Gesellschaft. Die Quellen geben uns reichlich Material über Kalifen, Wesire, Generäle, Dichter oder Händler, die gleichgeschlechtliche Beziehungen unterhielten. Im „Zeitalter der Geliebten“ wurden tausende homoerotische Gedichte geschrieben. Thomas Bauer zufolge war die arabische Liebesdichtung seit dem 8. Jh. etwa zur Hälfte homoerotisch geprägt.

Schon ab dem 13. Jh. finden wir auch in europäischen Reiseberichten Hinweise darauf, dass in muslimischen Reichen gleichgeschlechtliche Beziehungen –sowohl sexuelle als auch in Form platonischer Liebesbeziehungen – zum gewöhnlichen Stadtleben gehörten. Diese Schilderungen von Fremden dienen allerdings nur als eine Bestätigung dessen, was wir ohnehin aus den zahlreichen arabischen, osmanischen und persischen Quellen wissen.

Verfolgung und Kontrolle von Männern, die andere Männer begehren, war in der Zeit vor dem 20. Jh. den Muslimen unbekannt. Vielmehr waren diese Phänomene fest in den muslimisch geprägten urbanen Gesellschaften der Vormoderne verwurzelt und in einigen Fällen teilweise institutionalisiert, oder unterlagen festen Gepflogenheiten.

Man könnte sich allerdings fragen, wenn die Strafen gegen Analverkehr zwischen Männern nie angewandt wurden, und wenn in der urbanen Gesellschaft gleichgeschlechtliche Beziehungen gepflegt wurden, warum ist dann die Homophobie ein Phänomen, dem wir heute auch unter Muslimen begegnen?

Der Kolonialismus hat bei diesem Punkt gewiss eine Rolle gespielt. Die muslimisch geprägten Gesellschaften haben im Zuge der Kolonialherrschaft den Begriff der „Homosexualität“, anhand welchem man Menschen kategorisieren und vor allem ausschließen konnte, importiert. Dazu haben sie auch die Mechanismen des modernen Staates verinnerlicht, die, wenn sie missbraucht wurden, dabei helfen konnten, Menschen zu kontrollieren und zu untersuchen. Gepaart mit der Entstehung von religiösen Ideologien waren dann die Hauptzutaten einer Politik, die Homosexuelle, Andersdenkende, Oppositionelle als „das Andere“ darstellte, das stets eine Gefahr ist. An diesem Anderen demonstrieren die Diktaturen ihre Macht. Dabei beeinflussen sie auch die Gesellschaft, indem das Bild dieser „Außenseiter“ negativ in der Bildung, Medien und öffentlichen Leben dargestellt wird. Dieser prekäre Zustand hindert auch den theologischen Diskurs in den muslimisch geprägten Ländern, auch zeitgenössische Erkenntnisse der Natur- und Sozialwissenschaften bei der Bewertung der gleichgeschlechtlichen Beziehungen zu rezipieren.

Ein paar Jahrzehnte nach dem Ende der Kolonialisierung hat man Generationen, die nicht mehr wissen, dass ihre Gesellschaften vor der Kolonialherrschaft keine Homophobie im modernen Sinne kannten, und dass die Besessenheit, die Sexualität der anderen zu kontrollieren, ein modernes Phänomen ist, wie es auch bei der Verfolgung, Unterdrückung und Tötung von Homosexuellen der Fall ist.

Dieser Text erschien zuerst auf Bliq.