Pokémon Go und die Imagination bei Ibn al-Arabi

Was ist, wenn die ganze Welt bzw. das, was man Wirklichkeit nennt, eine Art Pokémon Go wäre? Ich meine jetzt nicht, dass die Welt ein Wesen wäre, welches man sich schnappen soll, sondern dass das Dasein der Welt eine gewisse Ähnlichkeit mit jenem der Pokémon in der App Pokémon Go aufweist. Auf den ersten Blick würde man vielleicht denken, dass es sich hier um eine Art Scherz handelt. Allerdings gibt es in der Tat eine Ähnlichkeit zwischen Pokémon Go und dem Konzept der Imagination bei dem andalusischen Meister Ibn al-ʿArabī (gest. 1240).1

Anhand Pokémon Go lässt sich eines der komplizierten Konzepte in den Lehren Ibn al-ʿArabīs veranschaulichen. Dieser Text erhebt nicht den Anspruch, diese Lehre in Details zu erklären, sondern will einfach ein paar Gedanken darüber geben, um zu zeigen, dass man komplizierte theologische Themen auch mit alltäglichen Dingen erklären kann. Immerhin ist das die Methode des Korans.

Laut Imam Ibn al-ʿArabī gibt es nur ein einziges Sein und Bewusstsein, welches er Wuğūd nennt. Der Wuğūd stellt bei Ibn al-ʿArabī und seinen Anhängern Gott in Seiner Absolutheit dar. Da jedoch Gott das einzige Sein und Bewusstsein ist, so stellt sich dann die berechtigte Frage, was ist mit der Welt? In welcher Form ist die Welt seiend? Die Antwort, die der Meister liefert, ist: Die Welt existiert und existiert nicht. Und hier kommt die Gemeinsamkeit der Geschöpfe mit den Pokémon in Pokémon Go.

Draußen auf der Straße gibt es keine Pokémon, sie existieren nicht. Sie haben kein eigenständiges Dasein und sie können nicht wahrnehmen. Aber auf der anderen Seite sehen wir doch die süßen Pokémon auf unserem Handy, genau auf der zuvor leer aussehenden Straße. Also sie existieren wohl in irgendeiner Form. Aus einer Perspektive sind sie nicht da und aus einer anderen sind sie da. Blickt man auf die Straße ohne Smartphone, dann existieren keine Pokémon, schaut man hingegen durch den Bildschirm, dann sind sie da.

Die Straße in diesem Beispiel ist die Nichtexistenz bei Ibn al-ʿArabī. Das Smartphone ist hingegen die Imagination (al-Khayāl), die die Zwischenstufe (Barzakh) zwischen dem Wuğūd darstellt, also zwischen Allah selbst und der Nichtexistenz. Der einzige Unterschied zwischen dem Smartphone und der Zwischenstufe (Barzakh) ist, dass das Smartphone „etwas Fassbares“ ist und die Zwischenstufe einfach eine abstrakte Ebene, die wir postulieren. Denn diese Zwischenstufe ist nichts anderes als die ständige Selbstmanifestation Gottes. Ok ich merke, dass es kompliziert wird.

Also, mit der Selbstmanifestation Gottes ist gemeint, dass Gott Seine unendlichen ewigen Namen und Eigenschaften ständig zeigt. Er zeigt sie entsprechend Seines Wissens. Nehmen wir mal z.B. eine Praline. Diese Praline ist in ihrer Wirklichkeit eine Mischung der Manifestationen verschiedener Eigenschaften und Namen Gottes, der Schöne, der Versorger, der Erschaffende, der Gütige usw. Jedes Ding, sei es sinnlich, rational oder imaginiert, ist nichts anderes als eine Manifestation von verschiedenen Namen Gottes, die sich in jedem Moment in diesem einen Sein und Bewusstsein zeigen. Genauer gesehen ist alles eins, denn alles ist nur die Manifestation des Geliebten, erhaben ist Er.

Wuğūd bedeutet auf arabisch wortwörtlich das Finden. Es ist ein ständiges Finden von den unendlichen Eigenschaften Gottes. Gott kennt seit immer Seine Eigenschaften und ihre Manifestationen und zwar auf der Ebene Seines Wissens. Auf der Stufe Seiner ständigen Manifestation lässt Er allerdings partikulare Manifestationen sich zeigen. Diese Manifestationen, welche u.a. wir sind, haben die Möglichkeit, in jedem Atemzug Gott, sprich Seine Manifestationen, zu finden. Denn im Gegensatz zu den Pokémon haben die Geschöpfe, also diese Manifestationen, nicht nur ein Dasein, sondern auch ein Bewusstsein. Die Pokémon auf dem Bildschirm wissen nicht, dass sie existieren und sie haben keine Möglichkeit, ihre Schöpfer (die Entwickler) oder sich selbst zu erkennen, wir aber schon. Das heißt, im Gegensatz zu den Pokémon sind wir nicht nur diejenigen, die ständig von Gott „gefunden“ werden, sondern wir finden Ihn auch. Wir sind somit die Gesuchten und die Sucher, genauso wie Er es selbst auch ist.

Die Suche nach den Pokémon, die in einer Zwischenwelt existieren, hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der Suche bzw. mit dem Finden Gottes auf der Ebene der Imagination (Khayāl). Allerdings mit ein paar Unterschieden. Erstens, die Manifestationen Gottes sind unendlich, während ja die Pokémon begrenzt sind. Zweitens, die Pokémon haben kein Bewusstsein, während wir eines haben.

Nun, dieses Bewusstsein, welches wir Seele oder Herz nennen, ist nichts anderes als das, was man sinnbildlich als den Atem Gottes bezeichnet. Es ist so, als ob wir unser Bewusstsein in ein Pikachu einfließen lassen können und dann auf uns selbst durch Pikachu blicken können. So verhält es sich zwischen dem Wirklichen und Seiner Manifestation (der Welt), die nur in Seiner Wahrnehmung existiert.

---------------------------------

  1. Zur Imagination bei Ibn al-Arabi siehe: Chittick, William C.: The Self-disclosure of God: Principles of Ibn Al-ʻArabī’s Cosmology, Albany, NY: SUNY Press 1998.